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Deemed


Rechtsbegriff „Deemed“: Definition, Anwendung und Bedeutung

Grundlegende Definition des Begriffs „Deemed“

Der Begriff „Deemed“ stammt aus dem Englischen und bedeutet wörtlich übersetzt „als etwas erachtet“ oder „als gegeben angenommen“. Im rechtlichen Kontext beschreibt „deemed“ eine Fiktion, die durch Gesetz, Verordnung oder vertragliche Vereinbarung geschaffen wird, um einen bestimmten rechtlichen Zustand oder eine rechtliche Folge unabhängig vom tatsächlichen Sachverhalt als maßgeblich anzunehmen. Damit können Tatbestände, Rechtsfolgen oder Eigenschaften einer Person oder Sache zugeordnet werden, selbst wenn diese nicht in der Realität vorliegen. „Deemed“ gilt als essentielles Instrument im Rechtssystem vieler Länder, insbesondere bei der gesetzlichen Auslegung, der Gestaltung von Steuerpflichten, Haftungsfragen sowie sonstigen Regelungsbereichen.


Rechtliche Verankerung des Begriffs „Deemed“

Bedeutung im nationalen und internationalen Recht

Im deutschen Sprachraum existiert keine direkte Übersetzung, jedoch wird „deemed“ im internationalen Recht, insbesondere im anglo-amerikanischen Rechtskreis, regelmäßig verwendet. In nationalen Gesetzen findet der Begriff Anwendung, um bestimmte Sachverhalte oder Rechtsfolgen festzuschreiben, insbesondere wenn eine Eigenschaft oder Wirkung unabhängig von den tatsächlichen Umständen eintreten soll.

Im internationalen Handelsrecht und im Kontext von Doppelbesteuerungsabkommen wird „deemed“ als rechtsverbindliche Annahme verwendet, um etwa Betriebsstätten, Ansässigkeiten und Einkünfte bestimmten Staaten oder Rechtsfolgen zuzuweisen.

Beispiele aus Gesetzen

  • In britischen und US-amerikanischen Steuergesetzen finden sich zahlreiche Regelungen, nach denen beispielsweise bestimmte Einnahmen „deemed to arise“ oder „deemed to be received“ sind, auch wenn kein tatsächlicher Zufluss erfolgt ist.
  • In Verträgen und internationalen Abkommen wird häufig „deemed to have occurred“ verwendet, um bestimmte Ereignisse oder Zustände als eingetreten zu fiktionalisieren.

Anwendungsbereiche von „Deemed“ im Recht

Zivilrecht

Im Zivilrecht sorgt „deemed“ häufig dafür, dass rechtliche Wirkungen angenommen werden, obwohl der tatsächliche Sachverhalt dies nicht hergibt. Denkbar ist dies etwa bei der Annahme von Willenserklärungen, dem Fristbeginn oder der Zustellung von Dokumenten.

Beispiel:

Eine Mitteilung gilt nach Ablauf einer bestimmten Frist als zugegangen („deemed to be received“), unabhängig davon, ob sie den Empfänger tatsächlich erreicht hat. Dies kann insbesondere im internationalen Schriftverkehr, bei Gerichtsentscheidungen sowie bei Kündigungen relevant sein.

Steuerrecht

Im Steuerrecht spielt „deemed“ eine herausragende Rolle, insbesondere beim internationalen Steuerrecht, zur Zuweisung von Einkünften, Steuerpflichten oder Ansässigkeiten.

Beispiel:

  • Deemed Residence: Eine Person gilt als steuerlich ansässig in einem Staat, wenn bestimmte Kriterien oder Zeiträume erfüllt sind – selbst wenn sie sich tatsächlich nicht dauerhaft dort aufhält.
  • Deemed Income: Bestimmte Einkommensteile werden unabhängig vom tatsächlichen Zufluss als zugeflossen angenommen bzw. der Besteuerung unterworfen.

Gesellschaftsrecht

Hier werden mit „deemed“ insbesondere Fiktionen bei der Zurechnung von Anteilen, Stimmrechten oder Verantwortlichkeiten geschaffen.

Beispiel:

Eine Person gilt gesetzlich als wirtschaftlich Berechtigter einer Gesellschaft („deemed beneficial owner“), auch wenn sie formal nicht als solcher eingetragen ist, etwa aufgrund von Treuhandverhältnissen.

Vertragsrecht

Im Vertragsrecht ist der Begriff „deemed“ bedeutsam, um vertragliche Fiktionen oder automatische Fristabläufe zu etablieren. Vertragsparteien können vereinbaren, dass bestimmte Zustände oder Handlungen bei Eintritt bestimmter Umstände als erfolgt gelten („deemed to have occurred“), was für Klarheit und Rechtssicherheit sorgt.


Funktion und rechtspolitische Bedeutung

Zweck gesetzlicher Fiktionen

Der Einsatz von „deemed“-Regelungen dient dazu, Rechtssicherheit, Klarheit und Nachvollziehbarkeit herzustellen, vor allem in Fällen, bei denen die tatsächlichen Verhältnisse schwer zu ermitteln oder zu beweisen wären. Dies entlastet sowohl die Verwaltungspraxis als auch Streitparteien vor Gericht und ermöglicht eine effiziente Rechtsanwendung.

Abgrenzung zu tatsächlichen Vermutungen

Während Vermutungen („presumed“) auf nachvollziehbaren Tatsachen oder Indizien beruhen, sind „deemed“-Fiktionen unabhängig von der Realität kraft Gesetz, Verordnung oder Vereinbarung zwingend anzunehmen. Sie entziehen sich oft dem Gegenbeweis und sind damit von dispositiver Natur abzugrenzen.


Grenzen und Gefahren der Fiktion durch „Deemed“

Trotz der Vorteile können „deemed“-Regelungen mit Risiken einhergehen. Die Annahme abweichender Sachverhalte kann in Einzelfällen zu unangemessenen Rechtsfolgen führen, etwa wenn steuerliche Belastungen oder Haftungen unabhängig von der realen Lage festgelegt werden.

Gesetzgeber und vertragliche Parteien müssen daher verantwortungsvoll mit der Formulierung und Anwendung von „deemed“ umgehen, um unbillige Härten und Missbrauch zu vermeiden.


Zusammenfassung und rechtliche Einordnung

Der Begriff „deemed“ ist ein zentrales Element vieler Rechtsordnungen, mit dem gesetzliche Fiktionen und verbindliche rechtliche Annahmen unabhängig vom tatsächlichen Sachverhalt festgelegt werden. Er sorgt in einer Vielzahl von Rechtsgebieten – etwa Steuerrecht, Gesellschaftsrecht, Vertragsrecht und Zivilrecht – für strukturierte und effiziente Rechtsfolgen. Gleichzeitig ist eine sorgfältige Anwendung erforderlich, um die begründete Balance zwischen Rechtssicherheit, Praktikabilität und Gerechtigkeit zu gewährleisten.


Mit der hier angebotenen Analyse liefert der Artikel eine fundierte, rechtlich umfassende Beschreibung des Begriffs „deemed“ und beleuchtet detailliert dessen unterschiedliche Einsatzmöglichkeiten und Folgen im Rechtssystem.

Häufig gestellte Fragen

Welche rechtlichen Auswirkungen hat eine als „deemed“ bezeichnete Tatsache in Gerichtsverfahren?

Im rechtlichen Kontext bedeutet eine als „deemed“ festgelegte Tatsache, dass ein bestimmter Umstand, Sachverhalt oder eine Rechtsfolge unabhängig vom tatsächlichen Vorliegen rechtlich so behandelt wird, als ob sie gegeben wäre. Dies wird durch Gesetz oder Vertrag angeordnet und entfaltet bindende Wirkung für Gerichte, Behörden und die Parteien. In Gerichtsverfahren bewirkt dies, dass der betreffende Sachverhalt keiner weiteren Beweisaufnahme bedarf, da ihm kraft Gesetzes die erforderliche rechtliche Wirkung beigemessen wird. Zum Beispiel kann eine Fristversäumnis „deemed served“ (als zugestellt betrachtet) werden, selbst wenn die Zustellung nicht tatsächlich nachweisbar erfolgt ist. Die Annahme solcher Fiktionen dient der Rechtssicherheit und Verwaltungsvereinfachung, kann jedoch die Rechte einer Partei massiv beeinträchtigen, da Einwendungen gegen die tatsächlichen Umstände ausgeschlossen sind, sofern nicht ausdrücklich Rechtsmittel oder Korrekturmechanismen vorgesehen sind. Daher sollte im Umgang mit „deemed“-Regelungen stets sorgfältig auf gesetzliche Voraussetzungen und Ausnahmeregelungen geachtet werden.

Welche gesetzlichen Grundlagen gibt es für die Anwendung von „deemed“-Bestimmungen im deutschen Recht?

Im deutschen Recht sind „deemed“-Bestimmungen gesetzlich nicht als solcher Begriff geregelt, wohl aber in vielen Rechtsnormen als Fiktionen oder widerlegbare beziehungsweise unwiderlegbare Vermutungen ausgestaltet. Beispiele finden sich im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB), in der Zivilprozessordnung (ZPO) und in Spezialgesetzen wie dem Einkommensteuergesetz (EStG). So wird etwa gemäß § 929 Satz 2 BGB bei einer sogenannten Besitzkonstitutübertragung unter bestimmten Voraussetzungen ein Eigentumsübergang „als erfolgt“ fingiert, ohne dass eine tatsächliche Übergabe stattgefunden haben muss. Im Prozessrecht stellen Regelungen wie die Zustellungsfiktion gemäß §§ 180 ff. ZPO typische Anwendungsbeispiele dar. Gesetzliche Grundlage kann ferner auf europäischer oder internationaler Ebene durch Rechtsakte oder zwischenstaatliche Verträge entstehen. Die jeweiligen Normen regeln ganz genau, unter welchen Voraussetzungen eine Fiktion eintritt und wie mit Gegenbeweisen umzugehen ist.

In welchen Rechtsbereichen findet der „deemed“-Grundsatz häufig Anwendung?

Der „deemed“-Grundsatz findet vor allem in folgenden Rechtsbereichen Anwendung: Im Steuerrecht, bei denen bestimmte Sachverhalte, wie steuerliche Ansässigkeit oder Betriebsstätten, als gegeben betrachtet werden; im Gesellschaftsrecht, etwa bei Fragen der Haftungsübernahme durch Geschäftsführer oder Anteilsübertragungen; im Vertragsrecht, wenn Parteien vereinbaren, dass bestimmte Mitteilungen oder Handlungen als zugegangen oder erklärt gelten; sowie im Verfahrensrecht, zum Beispiel bei Zustellungen oder Fristenberechnungen. Auch im Arbeitsrecht wird etwa das Zustandekommen von Arbeitsverträgen unter bestimmten Umständen fingiert. Die Anwendung soll in der Regel der Vereinfachung dienen, birgt jedoch stets das Risiko, dass betroffene Personen sich nicht ausreichend gegen eine solche Fiktion zur Wehr setzen können.

Welche Bedeutung haben widerlegbare und unwiderlegbare Fiktionen im Zusammenhang mit „deemed“?

Im rechtlichen Zusammenhang wird zwischen widerlegbaren und unwiderlegbaren Fiktionen unterschieden. Ein widerlegbare Fiktion (deemed provision) erlaubt den Beteiligten, den fingierten Sachverhalt durch Gegenbeweis zu entkräften. Ein Beispiel ist § 476 BGB, wonach ein Sachmangel, der innerhalb von sechs Monaten nach Gefahrübergang auftritt, als schon bei Gefahrübergang vorhanden vermutet wird – hier ist ein Gegenbeweis möglich. Unwiderlegbare Fiktionen hingegen lassen keinerlei Gegenbeweis zu, der Sachverhalt ist unwiderleglich als gegeben betrachtet, selbst wenn die Realität dem widerspricht. Dies dient häufig der Rechtssicherheit, kann aber gravierende Nachteile für Betroffene mit sich bringen, insbesondere wenn keine Ausnahmen vorgesehen sind. Die genaue rechtliche Wirkung hängt letztlich vom Wortlaut der jeweiligen Norm ab.

Wie kann sich eine Partei gegen rechtliche Nachteile aus einer „deemed“-Bestimmung zur Wehr setzen?

Die Möglichkeiten, sich gegen rechtliche Nachteile aus einer „deemed“-Bestimmung zu wehren, sind abhängig von der Ausgestaltung der jeweiligen Bestimmung als widerlegbare oder unwiderlegbare Fiktion. Bei widerlegbaren Fiktionen ist in der Regel ein Gegenbeweis zulässig. Die betroffene Partei muss dazu substantiiert darlegen und gegebenenfalls beweisen, dass der als „deemed“ angenommene Sachverhalt tatsächlich nicht vorliegt. Bei unwiderlegbaren Fiktionen sind Anfechtungs- oder Korrekturmöglichkeiten meist ausgeschlossen. Hier besteht lediglich die Möglichkeit, sich auf Verfahrens- oder Formfehler zu berufen oder zu prüfen, ob die Norm ausnahmsweise nicht anwendbar ist, zum Beispiel durch eine eng auszulegende Ausnahmevorschrift oder aufgrund eines schwerwiegenden Verstoßes gegen höherrangiges Recht (wie Grundrechte oder das Übermaßverbot). In jedem Fall ist eine detaillierte Auswertung der einschlägigen Rechtsnormen und Rechtsprechung erforderlich.

Welche Rolle spielen „deemed“-Bestimmungen im internationalen Recht?

Im internationalen Recht sind „deemed“-Bestimmungen besonders bedeutsam, um den grenzüberschreitenden Verkehr von Rechten und Pflichten zu regulieren. Sie finden sich häufig in multinationalen Verträgen, europäischen Verordnungen und Richtlinien sowie im internationalen Steuerrecht. Beispielsweise kann eine Person nach den Regelungen eines Doppelbesteuerungsabkommens in einem Vertragsstaat als ansässig gelten („deemed resident“), obwohl sie sich physisch und rechtlich im anderen Staat aufhält. Derartige Regelungen dienen der klaren Zuweisung von Zuständigkeiten und Rechtsfolgen über Staatsgrenzen hinweg, entziehen sich jedoch oftmals einer individuellen Einwendung, sodass betroffene Parteien nationalen Gerichten und Behörden oft weniger Schutzmöglichkeiten haben. Der Umgang mit solchen Bestimmungen erfordert ein vertieftes Verständnis nicht nur der jeweiligen nationalen Gesetze, sondern auch der internationalen Zusammenhänge und Harmonisierungsvorschriften.

Gibt es rechtliche Unterschiede zwischen „deemed“- und „als ob“-Regelungen?

Im deutschen Recht gibt es in der Praxis keinen substanziellen Unterschied zwischen „deemed“- und „als ob“-Regelungen, da beide Begriffe auf die gleiche juristische Technik der Fiktion hinauslaufen. Der Ausdruck „als ob“ ist dabei eher der deutschen Amtssprache entnommen, während „deemed“ häufig in englischsprachigen Verträgen oder internationalem Kontext verwendet wird. Beide Techniken bezwecken, einen bestimmten Sachverhalt unabhängig vom wirklichen Geschehensablauf rechtlich als gegeben anzusehen. Unterschiede können sich höchstens aus dem konkreten Wortlaut und Regelungsumfeld ergeben, weshalb jeweils eine sorgfältige Auslegung erforderlich ist.