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Geschäftsführung ohne Auftrag, öffentlich-rechtliche

Geschäftsführung ohne Auftrag, öffentlich-rechtliche: Begriff und Einordnung

Die öffentlich-rechtliche Geschäftsführung ohne Auftrag bezeichnet das Handeln einer Person oder einer Behörde, die ohne formelle Beauftragung eine Aufgabe wahrnimmt, die eigentlich einer anderen öffentlichen Stelle oder dem Gemeinwesen zugeordnet ist. Ziel ist es, einen drohenden Schaden abzuwenden, eine öffentliche Aufgabe zu sichern oder die Funktionsfähigkeit der Verwaltung und der Daseinsvorsorge zu erhalten. Anders als im Privatrecht geht es hier um Angelegenheiten, die dem öffentlichen Interesse dienen.

Im Mittelpunkt steht ein fremdes öffentliches Geschäft: Der Handelnde übernimmt eine Tätigkeit, die eigentlich in den Zuständigkeitsbereich einer anderen Körperschaft oder Behörde fällt. Das erfolgt ohne Auftrag oder rechtliche Verpflichtung, typischerweise in einer Lage, die rasches Handeln erfordert. Aus diesem Handeln können Ausgleichs- und Kostenerstattungsansprüche entstehen.

Anwendungsbereich und typische Konstellationen

Zwischen Privatperson und Behörde

Eine Privatperson beseitigt eine akute Gefahr auf öffentlichem Grund (etwa eine erhebliche Verkehrsgefährdung), weil die zuständige Stelle nicht rechtzeitig eingreifen kann. Die Tätigkeit betrifft ein öffentliches Geschäft, das sonst die Verwaltung zu erfüllen hätte.

Zwischen Behörden

Eine Behörde greift unterstützend im Zuständigkeitsbereich einer anderen ein, um eine erhebliche Störung abzuwehren oder eine öffentliche Aufgabe aufrechtzuerhalten. Fehlt eine ausdrückliche Rechtsgrundlage oder Vereinbarung, kann der Ausgleich über die öffentlich-rechtliche Geschäftsführung ohne Auftrag in Betracht kommen.

Sonstige Leistung für Träger öffentlicher Aufgaben

Private Dienstleister oder Dritte handeln ausnahmsweise ohne formellen Auftrag, beispielsweise zur Abwehr eines unmittelbar drohenden Schadens für öffentliche Einrichtungen. Entscheidend ist, dass die Maßnahme ein fremdes öffentliches Geschäft betrifft und ohne vertragliche Grundlage erfolgt.

Voraussetzungen

Fremdes öffentliches Geschäft

Die Handlung muss eine Aufgabe betreffen, die dem öffentlichen Bereich zugeordnet ist und normalerweise von einer zuständigen Stelle wahrgenommen wird. Privatnützige oder rein persönliche Belange genügen nicht.

Ohne Auftrag oder sonstige Befugnis

Es darf kein Vertrag, keine ausdrückliche Anordnung oder besondere gesetzliche Eingriffsbefugnis für die konkrete Handlung bestehen. Das Handeln erfolgt eigeninitiativ und auf eigene Verantwortung.

Wille, ein fremdes Geschäft zu führen

Der Handelnde muss mit dem Bewusstsein tätig werden, für den eigentlich Zuständigen ein fremdes öffentliches Geschäft zu übernehmen. Handelt jemand ausschließlich im eigenen Interesse, fehlt dieses Element.

Interesse und mutmaßlicher Wille des Geschäftsherrn

Die Maßnahme muss dem objektiven Interesse der zuständigen Stelle und dem hypothetischen Willen dieser Stelle entsprechen. Maßgeblich sind die Aufgabe, Zuständigkeiten und Ziele der öffentlichen Hand unter Berücksichtigung der konkreten Lage.

Erforderlichkeit, Geeignetheit und Dringlichkeit

Die Handlung muss nicht nur geeignet, sondern auch erforderlich sein, um einen drohenden Schaden von der Allgemeinheit oder dem öffentlichen Aufgabenbereich abzuwenden. Dringlichkeit spielt eine zentrale Rolle, insbesondere wenn die zuständige Stelle nicht rechtzeitig eingreifen kann.

Keine entgegenstehenden Regelungen oder ausdrücklicher Widerspruch

Die öffentlich-rechtliche Geschäftsführung ohne Auftrag tritt zurück, wenn spezielle Regelungen oder Anordnungen etwas anderes vorsehen oder wenn die zuständige Stelle der Übernahme ausdrücklich widerspricht.

Zurechenbarkeit

Die Handlung und ihre Auswirkungen müssen dem Bereich des eigentlich Zuständigen zugeordnet werden können. Dazu gehört, dass die Maßnahme in dessen Aufgaben- und Verantwortungsbereich liegt.

Rechtsfolgen

Aufwendungsersatz und Kostenerstattung

Bei gerechtfertigter Geschäftsführung kann ein Anspruch auf Ersatz der erforderlichen und angemessenen Aufwendungen bestehen. Maßstab sind Erforderlichkeit, Angemessenheit und der konkrete Zweck der Maßnahme. Reine Komfort- oder Luxusmaßnahmen sind regelmäßig nicht erstattungsfähig.

Herausgabe von Vorteilen

Wer durch die Maßnahme geldwerte Vorteile erlangt, kann zur Herausgabe verpflichtet sein. Umgekehrt kann der Geschäftsführende zum Ausgleich berechtigt sein, wenn sein Einsatz dem eigentlich Zuständigen unmittelbar zugutekommt.

Haftung und Risikoabgrenzung

Handelt der Geschäftsführende pflichtgemäß, sorgfältig und im objektiven Interesse der zuständigen Stelle, sind Haftungsrisiken begrenzt. Bei unsachgemäßer Durchführung können dagegen Schadensersatzpflichten in Betracht kommen.

Unberechtigte Geschäftsführung

Fehlt das objektive Interesse oder wird gegen den erklärten Willen des Zuständigen gehandelt, besteht in der Regel kein Aufwendungsersatz. Es können sogar Ersatzansprüche wegen verursachter Nachteile entstehen.

Abgrenzungen und Grenzen

Vorrang spezieller öffentlich-rechtlicher Regelungen

Existieren besondere Rechtsgrundlagen oder feste Kostenregelungen (etwa für Gefahrenabwehr, Ersatzvornahmen, Amtshilfe oder interkommunale Zusammenarbeit), gehen diese vor. Die Geschäftsführung ohne Auftrag dient als Auffanglösung für ungeregelte Ausnahmesituationen.

Keine Umgehung von Zuständigkeiten oder Verfahren

Die Figur kann fehlende Zuständigkeiten, Genehmigungen oder Verfahren nicht ersetzen. Unzulässige Eingriffe bleiben unzulässig, auch wenn sie im Ergebnis nützlich erscheinen.

Verhältnis zu Selbsthilfe- und Notstandslagen

In Situationen akuter Gefahr können andere Rechtfertigungsmodelle einschlägig sein. Die öffentlich-rechtliche Geschäftsführung ohne Auftrag betrifft vor allem den Ausgleich und die Kostentragung, wenn jemand fremde Aufgaben ohne Auftrag übernimmt.

Verhältnis zum Privatrecht

Geht es um öffentliche Aufgaben und verwaltungsbezogene Vorgänge, richtet sich der Ausgleich nach öffentlich-rechtlichen Grundsätzen. Privatrechtliche Institute werden nur ergänzend herangezogen, wenn der Sachverhalt nicht vollständig öffentlich-rechtlich geprägt ist.

Verfahrensfragen

Adressat der Geltendmachung

Ansprüche richten sich in der Regel gegen diejenige Stelle, in deren Aufgabenbereich das fremde Geschäft fällt. Maßgeblich sind die funktionelle Zuständigkeit und die Zuordnung der Aufgabe.

Nachweis von Erforderlichkeit und Angemessenheit

Für den Ausgleich ist es wichtig, dass die konkrete Maßnahme, deren Umfang und die angefallenen Aufwendungen nachvollziehbar sind. Dazu zählen nachvollziehbare Schilderungen des Ablaufs sowie transparente Kostenpositionen.

Fristen

Für die Geltendmachung gelten Fristen. Deren Berechnung orientiert sich an allgemeinen Grundsätzen des öffentlichen Rechts und kann je nach Konstellation variieren.

Praxisnahe Beispiele

Gefahrenabwehr durch Dritte

Eine Person sichert eine plötzlich aufgetretene Gefahrenstelle auf einer öffentlichen Straße ab, um Unfälle zu verhindern, bis die zuständige Stelle eingreifen kann.

Interkommunale Unterstützung

Eine Kommune setzt kurzfristig Personal und Geräte ein, um in einer Nachbargemeinde eine Störung der Daseinsvorsorge zu beheben, ohne dass eine Vereinbarung vorab abgeschlossen war.

Sicherung öffentlicher Einrichtungen

Ein Dritter veranlasst Notmaßnahmen, um Schäden an einer öffentlichen Einrichtung abzuwenden, wenn die zuständige Verwaltung vorübergehend handlungsunfähig ist.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Wann liegt eine öffentlich-rechtliche Geschäftsführung ohne Auftrag vor?

Sie liegt vor, wenn ohne formelle Beauftragung eine Aufgabe übernommen wird, die eigentlich dem öffentlichen Bereich zugeordnet ist, und dies im objektiven Interesse der zuständigen Stelle erforderlich und geeignet ist.

Wer ist anspruchsverpflichtet, wenn Kosten ersetzt werden sollen?

In Betracht kommt grundsätzlich die Stelle, in deren Aufgaben- und Zuständigkeitsbereich das fremde Geschäft fällt und die durch die Maßnahme entlastet oder begünstigt wurde.

Reicht es aus, dass die Allgemeinheit profitiert hat?

Ein bloßer allgemeiner Nutzen genügt nicht. Erforderlich ist, dass die Maßnahme dem objektiven Interesse und dem mutmaßlichen Willen der konkret zuständigen Stelle entspricht.

Spielt ein ausdrücklicher Widerspruch der Behörde eine Rolle?

Ja. Ein erkennbarer Widerspruch oder entgegenstehende Regelungen schließen eine berechtigte Geschäftsführung ohne Auftrag in der Regel aus.

Welche Aufwendungen sind ersatzfähig?

Erstattungsfähig sind notwendige und angemessene Aufwendungen, die zur ordnungsgemäßen Durchführung der Maßnahme erforderlich waren. Übermäßige oder nicht zweckbezogene Kosten sind in der Regel nicht umfasst.

Wie unterscheidet sich die öffentlich-rechtliche von der zivilrechtlichen Geschäftsführung ohne Auftrag?

Der Unterschied liegt im Bezug zum öffentlichen Aufgabenbereich, den Zuständigkeiten der Verwaltung und dem Gemeinwohlbezug. Rechtsfolgen und Voraussetzungen orientieren sich am öffentlichen Interesse und dem Aufgabenprofil der zuständigen Stelle.

Welche Bedeutung hat die Dringlichkeit?

Dringlichkeit ist ein zentrales Abgrenzungskriterium. Je weniger Zeit bleibt und je notwendiger die sofortige Abhilfe, desto eher kann eine berechtigte Geschäftsführung ohne Auftrag vorliegen.

Was passiert bei unberechtigter Geschäftsführung?

Fehlen Interesse oder mutmaßlicher Wille der zuständigen Stelle oder wird gegen deren erkennbaren Willen gehandelt, besteht regelmäßig kein Anspruch auf Aufwendungsersatz. Es können sogar Ersatzpflichten für verursachte Nachteile entstehen.